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Gier und der falsche Weg

Mike, ein attraktiver Mittvierziger, hatte vor ein paar Wochen Verena, eine 24-jährige Studentin aus gutem Haus, über das Internet kennengelernt. Um von ihr akzeptiert zu werden, stellte er sich als vermögend dar. Er hoffte, Verena mit teuren Geschenken und Reisen von sich überzeugen zu können. Das Problem war, dass er kaum Geld besaß. Selbst die geplante gemeinsame Reise nach Venedig finanzierte er über einen Kredit.

Bei einem Treffen mit Roland, einem guten Freud aus der Schulzeit, der als Anlageberater immer gute Ratschläge parat hatte, erzählte er von seiner neuen Beziehung mit Verena. „Ich schlage meinen Kunden aktuell vor, in Aktien eines Start-Ups zu investieren. Das Unternehmen heißt Elmobis und hat sehr gute Entwicklungen in Bezug auf die Elektromobilität in der Pipeline“, erzählte ihm Roland in ihrer Stammkneipe bei einem Glas Bier. „Das ist allerdings nur etwas für meine spekulativen Kunden. Das Unternehmen führt aktuell mehrere Rechtsstreitigkeiten. Wenn es die gewinnt, wovon ich überzeugt bin, wird der Kurs durchstarten.“

Mike war sofort Feuer und Flamme. Das Risiko ignorierte er, sah nur den Kursgewinn. Über das Internet nahm er einen Kredit auf und investierte das ganze Geld in die Aktien des Start-Ups. Die ersten Urteile fielen zu Gunsten des Unternehmens aus und der Kurs stieg.

Natürlich erzählte er Verena nichts von dieser Transaktion. Die teuren Geschenke, Schmuck und teures Parfüm, die er seiner Freundin machte, bezahlte er mit seiner Kreditkarte. Den fälligen Betrag wollte er mit dem Gewinn aus seinem Investment begleichen.

Nach ein paar Wochen stagnierte der Kurs der Aktie für mehrere Tage. Mike überlegte sich auszusteigen, aber die Gier war größer. Er blieb investiert, entschied sich aber eine Stop-Loss-Order zu erteilen, weil er mit Verena in den geplanten Urlaub nach Venedig fahren wollte.

Das Start-Up Unternehmen wurde in der Zwischenzeit wegen mehrerer Rechtsverstöße und Patentrechtsverletzungen rechtskräftig verurteilt und veröffentlichte eine Ad-Hoc-Mitteilung. Die Börse setzte den Kurs der Aktie aus und löschte alle vorliegenden Order, auch die Stop-Loss-Order von Mike. Die Schadenersatzforderungen an das Unternehmen waren so immens, dass es Konkurs anmeldete. Nachdem die Notierung an den Börsen wieder aufgenommen wurde, fiel der Kurs in kurzer Zeit um 95%. Die Aktien waren wertlos.

Mike erfuhr in Venedig durch die Nachrichten von dem Konkurs und dem Kursverfall. Er war verzweifelt und beichtete Verena, dass er kein Geld besaß, sondern alles auf Kredit gekauft hatte. Er hoffte, dass sie ihm Geld leihen würde. Verena fühlte sich von Mike betrogen und verließ ihn.

 

Text: ULI BECK & TEAM