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Unverhofftes Glück

Marga Rothental blickte in das unbeteiligte Gesicht des jungen aufstrebenden Anwalts, der ihr soeben mit ruhiger, fast schon einschläfernder Stimme den letzten Willen ihres vor drei Monaten verstorbenen Mannes Rufus vorlas. Dem Papier zufolge hinterließ dieser seiner Frau und Alleinerbin zwei Millionen Euro. Marga glaubte kaum, was sie da hörte und hatte keine Ahnung, woher das unvorstellbar viele Geld kam. Ihnen hatte es nie an etwas gefehlt, reich waren sie jedoch keineswegs gewesen.

Die Nachricht musste Marga erst einmal verdauen. Anmutig erhob sich die alte Dame von ihrem Stuhl, wischte die Tränen vom Gesicht, rückte ihren weißen Hut zurecht und schritt würdevoll aus dem Kanzleibüro. Im nahegelegenen Stadtpark setze sie sich auf jene Bank, auf der sie Rufus vor 57 Jahren angesprochen hatte. Die Bilder ihres Lebens formten sich vor ihrem geistigen Auge zu einem Film.

Marga wurde 1942 mitten in den zweiten Weltkrieg hinein geboren. Als Kind jüdischer Eltern mussten sie mit ihrer Familie Deutschland schon wenige Wochen nach der Geburt verlassen. Ihren Vater hatte sie nie kennen gelernt, er fiel der Verfolgung durch die Gestapo zum Opfer. Marga war das jüngste von fünf Kindern. Ihre Mutter zog sie und ihre zwei Schwestern sowie zwei Brüder allein auf. Nach dem Krieg kehrten sie in ein beschauliches, westfälisches Dorf zurück.

Als neunzehnjähriges Mädchen lernte sie eines Nachmittags den ebenso charmanten wie schönen Mann kennen, der sich ihr formvollendet als Rufus Rothental vorstellte. Sie plauderten über das lautstarke Vogelgezwitscher, weshalb sowohl Marga als auch er oft in den Morgenstunden in den Park kamen. Durch diese zufälligen Treffen wurden sie zuerst Freunde und später ein Paar.

Während Rufus als Biologe am örtlichen Institut arbeitete, ging Marga als Lehrerin mit Leib und Seele in ihrem Beruf auf. Leider blieb die Ehe der beiden kinderlos, was sie jedoch nicht davon abhielt, sich zeitlebens mit Achtung vor dem anderen aus tiefstem Herzen zu lieben. Vor einem Jahr dann antworteten sie spontan auf eine Annonce in der Zeitung, in der Leihgroßeltern gesucht wurden. Seitdem kümmerten sie sich um zwei wundervolle Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren aus der Nachbarschaft. Somit hatte sich ihr langgehegter Kinderwunsch doch noch auf besondere Weise erfüllt.

Zwei Millionen Euro! Was sollte sie mit dem vielen Geld anstellen? Sie war weit über siebzig und hatte keine großen Wünsche mehr ans Leben. Zumindest keine, für die sie eine nennenswerte Summe Geld brauchte. Plötzlich fiel ihr ein Vorhaben ein, welches Rufus und sie vor Jahrzehnten einmal geplant hatten. Sie wollten eine Art „Villa Kunterbunt“ gründen, in dem mehrere Generationen füreinander sorgten, ohne dass sie miteinander verwandt sein mussten. Das Projekt kam nie zustande, wohl auch deshalb, weil beide zu sehr mit ihren Berufen verschmolzen waren. Irgendwann sprachen sie nicht mehr darüber. Hatte Rufus doch heimlich Geld zur Seite gelegt, weil er ihren gemeinsamen Wunschtraum niemals vergessen konnte? Über Margas Gesicht huschte ein Lächeln. Sie wusste nun, was zu tun war, erhob sich von der Parkbank und schlenderte zurück zu ihrer Wohnung, wo bereits ihr geliebtes Leih-Enkelkind und dessen Mutter auf sie warteten.

 

 

Text: ULI BECK & TEAM