Seite wählen

Adele Spitzeder

Die Geldanlagebranche ist bis heute männlich dominiert. Umso bemerkenswerter, dass der größte Bankbetrug
aller Zeiten auf das Konto einer Frau geht und ausgerechnet in Bayern stattfand. Erstaunlich:
das so genannte „Schneeballsystem“ hat einen weiblichen Ursprung.

Adele Spitzeder war 1869 als Schauspielerin mit 37 Jahren am Ende. Ihr fehlten Engagements, sie wollte
jedoch keine Abstriche an ihrem Lebensstil machen. Also lieh sie sich Geld, das sie natürlich nicht
zurückzahlen konnte, bald fand sie keine neuen Geldgeber mehr. Der Betrug nahm Fahrt auf, als sie einem
Zimmermannspaar erzählte, dass sie jemanden getroffen habe, der ihr auf das Ersparte zehn Prozent Zinsen
zahlt, im Monat! “Wäre das nicht auch etwas für Sie?”
Die Zimmermannsfrau gab ihr 100 Gulden und die Schauspielerin versprach, in drei Monaten 30 Prozent
Zinsen zu zahlen. Sie versicherte, 20 Prozent gleich zu erstatten, und das Kapital mit den restlichen
10 Prozent in einem Vierteljahr. Die 20 Gulden, die das Ehepaar erhielt, waren selbstverständlich ihr eigenes,
gerade übergebenes Geld. Adele löste ihr Versprechen ein und die fabelhafte Geldvermehrung sprach sich schnell
herum, sie wurde mit Geldern regelrecht überschüttet. Irgendwann begann sie, Kredite zu vergeben und mit
Immobilien zu handeln. Es wird berichtet, dass sie zu Hoch-Zeiten ihres Geschäfts 83 Angestellte hatte,
darunter viele Kreditvermittler, die selbst das große Geld machten, weil sie für jeden Neukunden fünf Prozent
Provision erhielten. Adeles Prinzip war simpel: Am Vormittag nahm sie Geldeinzahlungen entgegen, am Nachmittag
vergab sie Kredite.

Ein Teil ihres „Erfolgsgeheimnisses“: Sie trat wie ein Mann auf, bestimmt und laut, sie war belesen und als
Schauspielerin gut im Vorspielen falscher Tatsachen. Den anderen Teil verantworteten die Kunden selbst,
die Gier nach den hohen Zinsen war unbeschreiblich. Hinzu kam: solcherlei Geldgeschäfte waren nicht verboten,
niemand kontrollierte diese. Einige Zeitungen schrieben zwar über die „Betrügerin aus München“, andere Blätter
verteidigten sie jedoch, weil sie Geld von ihr erhielten. Als ein Gericht Adele Spitzeder dazu verurteilte,
ein Gewerbe mit ordnungsgemäßer Buchführung anzumelden, gab es erste Gerüchte, dass ihre „Privatbank“
geschlossen wird. Menschen begannen, ihr Kapital abzuholen, das System brach nach reichlich zwei Jahren
zusammen. Sie musste für drei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis. Zurück blieben ca. 32 000 Kunden mit 38
Millionen Gulden Schaden, heute umgerechnet unvorstellbare 400 Millionen Euro. Dem standen lediglich 15 Prozent
Vermögenswerte gegenüber. Tausende Menschen verloren alles, es kam zu einer Vielzahl von Selbstmorden.
Verglichen mit den heutigen Anlageskandalen, sind Leichtgläubigkeit, Unwissenheit und Gewinnsucht die größten
Feinde der Anleger geblieben.

 

Text: ULI BECK & TEAM