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Die dunkle Wurzel des Erfolges

 

Auf der Geburtstagsfeier fühlte sich Tim nicht sonderlich wohl. Er kannte niemanden und es gelang ihm kaum, ein munteres Gespräch aufzubauen. Worüber hätte ein 13 Jahre alter Junge auch mit den ganzen Damen reden sollen, die ihn so unerwartet zu Omchen Traudels Jahrestag eingeladen hatten? Auch der ergrauten Schönheit Patsy blieb Tims Unwohlsein nicht verborgen. Um ihm eine kleine Freude zu machen, steckte sie ihm wie nebenbei einen 5-Euro-Schein zu. „Was willst du damit machen?“, fragte sie. Nachdenklich antwortete Tim, dass er das Geld wohl sparen werde. Diese Antwort gefiel Patsy offensichtlich nicht. Für einen kurzen Moment zuckten ihre Mundwinkel nach unten, bevor sie mit beiläufiger Freundlichkeit weitersprach. „Also mir fielen da einige spannendere Sachen ein, gerade für einen Menschen deines Alters“, sagte sie, und damit war das Gespräch zwischen den beiden auch schon wieder an sein Ende gelangt.

Wieder zuhause angekommen, fiel Tims Mutter die schlechte Laune ihres Sohnes auf. „Wieso werde ich schief angeschaut, weil ich den Fünfer lieber spare?“, fragte er. „Das musst du nicht verstehen, Timmy. Patsy ist halt eine Lebedame. Ich finde es jedenfalls gut, dass du so bist. Manche brauchen ein ganzes Leben lang, um das zu lernen.“ Tim hatte jedoch einen Grund, den Wert des Geldes viel früher schätzen zu lernen als andere. Mit 8 Jahren musste er erleben, wie seine Mutter nach der Scheidung in ein tiefes schwarzes Loch fiel. Dank ihres Mannes, der als Fußballprofi erfolgreich war, lebte die kleine Familie bis dahin sehr gut. All das brach von einem Tag auf den nächsten zusammen. Nie würde Tim die Tränen seiner Mutter vergessen. Schon sehr jung nahm er sich vor, dass er als Erwachsener niemals in solch eine Situation kommen wollte. Einige Verwandte und Freunde warfen ihm vor, geizig zu sein und jeden Cent zu horten, wo es nur ginge. Das verletzte Tim jedes Mal aufs Neue, denn letztlich war er nicht gierig nach dem Geld, sondern nach dem, was es ihm versprach: ein Leben ohne Verzweiflung.

Schon in sehr jungen Jahren hatte sich Tim mit dem Investieren beschäftigt. „Auf lange Sicht werfen Aktien die höchsten Renditen ab“, hatte er von irgendeinem Finanz-YouTuber aufgeschnappt und sogleich triumphierend seiner Mutter mitgeteilt. Diese konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, doch Tim ließ sich nicht beirren. Begierig saugte er alles Wissen in sich auf, begann zu arbeiten und zu sparen. Manchmal fragte sich Tim, ob er es nicht übertreiben würde. Ob er seine Jugend wegwerfen würde, so als hätte er eine innere Patsy in seinem Kopf. Doch lange blieben solche Zweifel nie bestehen. Dazu machte ihm sein Leben einfach viel zu viel Spaß. Mit der Zeit lernte er noch andere Freaks kennen, darunter auch seine spätere Freundin Verona.

Ein Freund warf ihm irgendwann einmal vor, dass sich in seinem Leben alles ums Geld drehen würde. Damals war Tim bereits 23 und selbstständig mit einem Online-Business. „Da hast du sicherlich Recht“, entgegnete er, „aber ist das bei dir denn so viel anders? Du lässt dich um 6 Uhr morgens von deinem Handy wecken. Du stehst in der Kälte herum, um mit einer Horde Schulkinder auf den Bus zu warten. Du musst mit Kollegen auskommen, mit denen du dich privat niemals treffen würdest. Dein Herz tanzt, wenn du endlich einmal Urlaub hast, warum eigentlich? Immer wieder erzählst du mir, dass dich deine Arbeit nicht ausfüllt. Würdest du all diese Unannehmlichkeiten auf dich nehmen, wenn sie nicht bezahlt werden würden? Wir tun beide sehr viel für Geld, wenn man es einmal genauer betrachtet. Der Unterschied ist wohl einfach, dass ich Spaß dabei habe, während du dich jeden Tag zusammenreißen musst.“ Bei aller Freude vergaß Tim jedoch nie, welche Erfahrung ihn dazu bewogen hatte, diesen Weg einzuschlagen.

 

 

Text: ULI BECK & TEAM