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Die Geschichte der Börsen in Deutschland

Börsen im Sinne des Handelns mit Werten und Waren gibt es schon seit vielen Jahrhunderten. Das genaue Alter ist umstritten, denn es hängt ein wenig von der Definition ab. So stufen manche Forscher schon den Austausch von Lehmtafeln in Mesopotamien als erste Form einer Börse ein.

Der Begriff selbst ist wohl eine Mischung aus dem lateinischen bursa für Geldtasche und der in Brügge ansässigen Händlerfamilie van der Beurse, bei denen sich im 15. Jahrhundert die Händler der belgischen Stadt trafen, um ihre Geschäfte abzuwickeln.

Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelten sich die ersten Börsen in Europa, an denen sich Händler sich zu festgelegten Handelszeiten in einem bestimmten Gebäude trafen, um Handel zu treiben. Die ersten Standorte waren Antwerpen und London. In Amsterdam schließlich wurde 1613 das erste Gebäude errichtet, das ausschließlich zum Zwecke des Börsenhandels genutzt wurde.

Und auch in Deutschland gab es, nach Anfängen in Frankfurt im 12. Jahrhundert, schon vor der Mitte des 16. Jahrhunderts die ersten Börsen im heutigen Sinne.

Börsen in Deutschland – die Anfänge

Auslöser für die Gründung deutscher Wertpapierbörsen war das florierende Messewesen im Mittelalter. Messestädte wurden zu wichtigen Umschlagplätzen für Geld- und Warenverkehr. Erschwert wurde der Handel aber dadurch, dass es in Deutschland keine einheitliche Währung gab. Im Gegenteil zerfiel Deutschland in viele voneinander unabhängige Wirtschaftsgebiete mit eigenem Geld. Messekaufleute fanden sich daher im 16. Jahrhundert zusammen, um durch ein festgelegtes System von Wechselkursen den Handel zu vereinfachen und Betrügereien zu erschweren. Es kam zur Gründung der ersten offiziellen deutschen Börsen: 1540 in Augsburg und Nürnberg, 1553 in Köln, 1558 in Hamburg und 1585 in Frankfurt. Gehandelt wurden zunächst hauptsächlich Wechsel. In Leipzig und Frankfurt wurden recht früh auch schon Unternehmensanteile gehandelt. Im Jahr 1625 gab es den ersten „Kurszettel“, der Wechselkurse für zwölf verschiedene Geldsorten aufführte.Eine weitere Formalisierung, beispielsweise durch Erlass der ersten Börsenordnung im Jahr 1682, vereinheitlichte das Vorgehen an den Börsen und erhöhte die Sicherheit für die Händler, und schon Ende des 17. Jahrhunderts florierte der Handel mit Anleihen und Schuldscheinen, an dem sich auch Nichtkaufleute beteiligen konnten, um ihr Vermögen zu erhöhen. Überall entstanden Börsenplätze und auch die ersten echten Aktiengesellschaften. Friedrich Wilhelm gründete im März 1682 die erste deutsche Aktiengesellschaft.

Ein Jahrhundert später begann der Handel mit Staatspapieren als probates Mittel für Staaten, Kapital zu erlangen. Auch die Finanzierung großer wirtschaftlicher Projekte im Verlauf der Industriellen Revolution verlief immer häufiger über die deutschen Börsen.
Der wirtschaftliche Aufschwung der Gründerjahre führte zur Gründung zahlloser Aktiengesellschaften in Deutschland (allein in den fünf Jahren von 1870 bis 1874 wurden in Preußen mehr als 850 davon gegründet). Eine Regelung des Aktienrechts in Preußen von 1843 sowie Klärung des Aktienrechts für Deutschland und Österreich im Jahr 1862 unterstützten diesen Gründerboom, von dem die deutschen Börsen natürlich profitierten. Diese Blütezeit der Aktiengesellschaften und der deutschen Wertpapierbörsen hielt bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs an.

Zwei Weltkriege und die Auswirkungen auf die deutschen Börsen

Der Erste Weltkrieg sorgte für den ersten Dämpfer in der Entwicklung der Börsen in Deutschland. Aus Angst verkauften viele Anleger ihre ausländischen Anleihen und Aktien. Bei Ende des Krieges fanden sich keine ausländischen Wertpapiere mehr auf den deutschen Kurszetteln. Die nach Kriegsende einsetzende Inflation gipfelte in einem Absturz 1923. Auch wenn Aktien danach ein beliebtes Spekulationsobjekt wurden, folgten dann der „Schwarze Freitag“ im Oktober 1929 sowie eine allgemeine Weltwirtschaftskrise.
Kaum hatte sich die deutsche Wirtschaft erholt, kam der Zweite Weltkrieg. Die Nationalsozialisten kontrollierten die gesamte Wirtschaftspolitik und griffen auch in den Aktienhandel und die Struktur der Börsen ein. Die Anzahl der Börsen wurde von 21 auf insgesamt nur noch neun verringert. Freier Handel war kaum noch möglich, da sämtliches Kapital der Kriegswirtschaft zur Verfügung stehen sollte.

Nach Kriegsende blieben die deutschen Börsen zunächst geschlossen. Die Frankfurter Börse nahm als eine der ersten schon im September 1945 den Handel wieder auf.

Die Währungsreform sowie der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands führten zum Wiedererstarken der Börsen in Deutschland, die ab 1956 auch wieder mit ausländischen Papieren handeln durften. Als Kapitalvermittler hatten die Wertpapierbörsen eine wichtige Rolle im wirtschaftlichen Erstarken des Landes nach dem Krieg und der heutigen Position Deutschlands als eine der führenden Wirtschaftsnationen.

1988 wurde der DAX eingeführt, einer der bedeutendsten Aktienindizes weltweit.

Die heutige Aufteilung

Nachdem zum Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland 27 Börsenplätze existiert hatten, gibt es aktuell nur noch wenige deutsche Wertpapierbörsen. Die Frankfurter Börse ist der größte Börsenplatz. Regionalbörsen sind in Hamburg, Hannover, Berlin, Düsseldorf, Stuttgart und München zu finden.

Die Frankfurter Börse

Die Frankfurter Börse ist eine der ältesten Börsen Europas und seit langem der dominierende Börsenstandort in Deutschland. Aber wie kam es dazu?

Die ersten Schritte

Schon im Mittelalter hatte Frankfurt eine herausragende Rolle als Messestadt in Deutschland. Erstmals erwähnt wird im Jahre 1150 die Frankfurter Herbstmesse, die vermutlich als Erntemesse bereits im 11. Jahrhundert entstanden war. Im Jahr 1330 kam das Gegenstück, die Frühjahrsmesse, hinzu. Geld- und Warenverkehr in Frankfurt florierten. Die Zuwanderung protestantischer Kaufleute aus Frankreich und den Niederlanden, die hier sicher vor religiöser Verfolgung waren, machte Frankfurt zu einem bedeutenden Wirtschaftsstandort, was Luther dazu bewegte, die Stadt als „Silber- und Goldloch“ zu bezeichnen.

Aber die Händler der Stadt litten darunter, dass es keine einheitliche deutsche Währung gab, sondern viele unterschiedliche Wirtschaftsgebiete mit Einzelwährungen existierten. Dies bot Wucher und Betrügereien Tür und Tor. Der Ausweg: einheitliche Wechselkurse. Im Jahr 1585 trafen sich Messekaufleute und legten diese Kurse fest – die Frankfurter Börse war geboren. Der älteste noch vorhandene Kurszettel aus Frankfurt belegt Wechselkurse für sechzehn verschiedene Münzsysteme.

Ein eigenes Gebäude

Anfangs trafen sich die Frankfurter Händler auf dem Platz vor dem Frankfurter Römer. 1695 dann wurde das Gebäude „Großer Braunfels“, eines der bedeutendsten Gebäude Frankfurts, zum festen Versammlungsort der Frankfurter Börse.

Als die Börse in die 1808 gegründete Handelskammer einbezogen wurde, wandelte sie sich von einem Handelsplatz für Kaufleute in eine öffentlich-rechtliche Einrichtung.
Die Frankfurter Börse stieg schon sehr früh, nämlich Ende des 18. Jahrhunderts, in den Handel mit Staatsanleihen ein. Das Bankhaus Bethmann platzierte 1779 eine Millionenanleihe für den deutschen Kaiser und gab zur Finanzierung in Frankfurt Partialobligationen heraus. Jeder, auch private Anleger, konnte solche Anteile erwerben. Frankfurter Banken hatten damit ein Instrument an der Hand, auch sehr hohe Anleihesummen zu finanzieren.

Besondere Bedeutung kam dabei dem Bankhaus Rothschild zu, das, in Frankfurt ansässig, zum führenden Vermittler für Kapitalanleihen für Adelshäuser in ganz Europa wurde. Allmählich entwickelte sich so ein stabiles Netz internationaler Beziehungen speziell an der Frankfurter Börse. Um der wachsenden Bedeutung gerecht zu werden, wurde neben der Paulskirche 1843 ein neues, repräsentativeres Gebäude bezogen: die Alte Börse, entworfen vom Architekten Jakob Friedrich Peipers aus Frankfurt.

Die erste „echte“ Aktie in Frankfurt wurde 1820 gehandelt, aber der Schwerpunkt der Frankfurter Börse lag lange auf Obligationen. Nicht umsonst hatte die Stadt den Beinamen „solides Frankfurt“, da der Fokus auf sicheren Staatsanleihen lag. An der Frankfurter Börse platzierte ausländische Staatsanleihen an internationalen Börsen festigten weiter die Funktion Frankfurts als „internationalster“ unter den deutsche Börsen. Durch diese ausländischen Beziehungen konnte sich Frankfurt auch zu Zeiten, in denen Berlin die dominierende Börse Deutschlands war, als wichtiger Handelsplatz behaupten.

1879 wurde die Neue Börse bezogen, entworfen von Oskar Sommer und Heinrich Bumitz. Die Frankfurter Architekten kreierten damit ein Gebäude, das noch immer zu den bedeutendsten Frankfurter Gebäuden der Wilhelminischen Epoche zählt.

Ende des 19. Jahrhunderts erkannte man auch in Frankfurt die Bedeutung des Aktienhandels und forcierte diesen gegenüber dem Handel mit Staatsanleihen. In Konkurrenz zu Berlin diente Frankfurt insbesondere als Börsenplatz für Unternehmen aus Süddeutschland.

Kriegszeiten und Wirtschaftswunder

Die beiden Weltkriege trafen die Frankfurter Börse mit ihrer internationalen Ausrichtung besonders hart. Während des Ersten Weltkrieges fanden sich keine ausländischen Aktien mehr auf den Kurszetteln. Der kurzen Erholung der Wirtschaft nach Inflation und Weltwirtschaftskrise folgte der Zweite Weltkrieg, und die Nationalsozialisten verringerten die Anzahl der Börsen in Deutschland auf neun. Unter anderem ging die Mannheimer Börse in der Frankfurter Börse auf, die allerdings im Zweiten Weltkrieg keine große Rolle mehr hatte. Freier Handel fand kaum noch statt, da alle Gelder der Kriegswirtschaft zur Verfügung stehen sollten. Während eines Luftangriffs der Alliierten wurde zudem das Börsengebäude stark beschädigt, der Handel fand allerdings in den Kellerräumen weiterhin statt.

Schon im Herbst des Jahres 1945 nahm die Frankfurter Börse als eine der ersten in Deutschland den Handel wieder auf, konnte aber erst nach der Währungsreform und der Erholung der deutschen Wirtschaft in den Folgejahren ihre alte Bedeutung wiedergewinnen. Als 1956 der Handel mit ausländischen Wertpapieren wieder erlaubt wurde, konnte Frankfurt wieder in seine alte Rolle als internationaler Handelsplatz schlüpfen und nahm wieder seine Spitzenposition unter den deutschen Börsen ein. Ihre Tätigkeit als einer der größten Kapitalvermittler des Landes gab ihr einen entscheidenden Anteil am „Wirtschaftswunder“.

Der Dax kommt

Die Einführung des DAX als deutscher Aktienindex mit den Bluechips des deutschen Markts im Jahr 1988 ermöglichte die Gründung der Deutsche Börse AG als Nachfolgerin der öffentlich-rechtlichen Frankfurter Wertpapierbörse. Die Deutsche Börse AG ist seither Trägergesellschaft.

(Fast) Alles wird elektronisch

Bereits im Jahr 1969 werden erste Datenbestände an der Frankfurter Börse elektronisch verarbeitet. Der Abschied vom klassischen Parketthandel beginnt im Jahr 1997 mit der Einführung des elektronischen Handelssystems Xetra, das eines der führenden Systeme weltweit ist.

Xetra wickelt mittlerweile die überwältigende Mehrheit der Aktiengeschäfte in Deutschland ab. Aber noch immer gibt es tägliche Fernsehübertragungen aus der Frankfurter Börse, beispielsweise im Rahmen der Tagesschau, wie sie schon zu Zeiten des Parketthandels üblich waren. Bekanntestes Bild ist die Kursanzeige, auch „DAX-Tafel“ genannt.

Ganz klassisch sind auch noch die sogenannten Börsenpflichtblätter. Bestimmte Vorgänge im Aktienwesen verlangen nach Veröffentlichungen, sodass das Börsengesetz verlangt, dass jeder Börsenplatz mindestens drei überregionale Börsenpflichtblätter festlegen muss, in denen diese Veröffentlichungen stattfinden. Für die Börse Frankfurt sind dies unter anderem die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Frankfurter Rundschau und das Handelsblatt.

Die Börse geht an die Börse

Am 5. Februar 2001 geht die Deutsche Börse AG selbst an die Börse. Mit ihren diversen Tochterunternehmen führt sie die Internationalisierung der Frankfurter Börse sowie deren Wachstum weiter fort. Ihre führende Position unter den deutschen Börsen beweist sie auch mit Weiterentwicklungen wie der Einführung eines speziellen Handels für „Neue Märkte“, also Kapitalbeschaffung für kleinere Technologieunternehmen, oder einem speziellen Segment für Unternehmen des Immobilienmarktes.

Die Zukunft

Die Rolle als zentraler Handelsplatz unter den deutschen Börsen ist Frankfurt auch in Zukunft sicher. Es kann allerdings gut sein, dass es noch zu weiteren Zusammenlegungen von Regionalbörsen, zum Beispiel Hamburg und Hannover, kommt. Auch die Internationalisierung, die im Mittelalter begann, hat weiter Bestand. Viele Unternehmen, die ihren Börsengang in Frankfurt starten, haben ihren Sitz im Ausland. Die Deutsche Börse AG ist auch selbst mit Niederlassungen und Repräsentanzen an den wichtigen ausländischen Finanzzentren vertreten. Sie dominiert den deutschen Aktienhandel (bei inländischen Aktien liegt ihr Anteil bei 98 Prozent, beim Handel mit Auslandsaktien bei 84 Prozent).

 

Text: ULI BECK & TEAM